Das Wort Rentner mag Karl Wulftange nicht so gerne hören (RP)

„Ich beziehe zwar schon länger Rente“, sagt er, „aber ich bin noch lange nicht im Rentenstand.“ Denn trotz seiner 75 Jahre ist der Duisburger beruflich sehr aktiv, arbeitet im Schnitt drei Tage die Woche, berät Unternehmen in Vertriebsfragen. Nicht, weil er Geld verdienen muss, sondern weil er den sogenannten Ruhestand nicht erträgt. Zeit für Hobbys habe er zeitlebens nie gehabt.

Sein Beruf, den er 60 Jahre lang in verantwortungsvollen Positionen ausübte, sei sein Hobby, erzählt der Ingenieur, und den wolle er so lange verrichten, wie es geht. Auch deshalb gründete er „Die Silberfüchse“, eine Jobvermittlungsagentur für Rentner – um immer etwas zu tun zu haben und Gleichgesinnten den Zugang zum Arbeitsleben zu erleichtern. Denn Wulftange steht nicht alleine da. Mittlerweile eine Million Menschen arbeiten laut Statistischem Bundesamt nach dem Eintritt des Rentenalters, immerhin 20 Prozent sozialversicherungspflichtig, der Rest als Minijobber. Von 2006 bis 2019 kletterte der Anteil der Erwerbstätigen zwischen 65 und 69 Jahren laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) von 6,6 auf 17,9 Prozent. In den ersten drei Jahren nach Renteneintritt sind zudem etwa ein Viertel aller Ruheständler noch beruflich aktiv. Meist sind sie höher qualifiziert; Rentner mit niedrigem Einkommen haben oft in Berufen gearbeitet, in denen es oft wegen der körperlichen Anforderungen nicht möglich ist, weiterzuarbeiten. Das Potential dieser Hochqualifizierten-Gruppe haben auch andere entdeckt. So vermitteln verschiedene Plattformen und Netzwerke sogenannte Senior-Experten – etwa die „Automotive Senior Experts“ (ASE) oder in Bonn der „Senior Experten Service“ (SES), letzterer allerdings auf ehrenamtlicher Basis.

Karl Wulftange hält in der Hand ein gepresstes Gewinde, er berät Firmen bei Zerspanungstechnik - Foto Christoph Reichwein

Von Arbeit ohne Lohn hält Wulftange wenig. Auch wenn es nicht in erster Linie ums Geld gehe. Was nichts koste, sei oft nichts wert, sagt er, allerdings müssten die Unruheständler den Unternehmen auch einen Benefit bringen. Von den rund 200 Experten zwischen 63 und 80, die er auf seiner Plattform vermittelt, arbeiten die meisten beratend bei mittelständischen Unternehmen, im Qualitätsmanagement etwa, im Controlling oder in der Steuerung. Wichtig sei es, dass die Firmen solche Einsätze sorgfältig vorbereiten, den Mitarbeitern klar machten, dass es sich um zeitlich begrenzte Engagements handele, die keine Jobs kosten. „Wenn das geschieht, funktioniert das gut“, erzählt Wulftange, der, wie er sagt, nur angenehme Erfahrungen gemacht habe. „Natürlich dürfen die Experten nicht oberlehrerhaft auftreten, sondern eher wie ein Automat, aus dem man Wissen ziehen kann.“ Dass auch die Unternehmen profitieren können, zeigt der Fall Bosch. Dort sind etwa 1700 ehemalige Mitarbeiter im Management Support gebündelt und helfen beratend bei Projekten. Gute Erfahrungen hat beispielsweise auch die Industrie- und Handelskammer Arnsberg mit ihrem Mentoren-Programm gemacht.

Mehr als 40 Senioren mit kaufmännischem Hintergrund helfen Firmen ehrenamtlich auf die Sprünge, sagt André Berude, bei der IHK zuständig für Unternehmensförderung. „Es geht vor allem um Wissensaustausch“, sagt Berude. „Wir haben festgestellt, dass das sehr hilfreich sein kann.“ Das Problem: Viele Unternehmen kennen diese Angebote nicht, sagt Wulftange, und setzen eher auf Frühverrentung, statt Mitarbeiter weiterzubeschäftigen oder auf Senior-Berater zurückzugreifen. Wulftange wünscht sich daher auch seitens Politik und Wirtschaft Modelle, die Arbeit im Rentenalter erleichtern. Denn wer lange arbeitet, bleibt eher gesund und lebt länger, das belegen diverse Studien. Was auch daran liegt, dass diese Menschen einfach zufriedener sind, weil sie gebraucht werdenund Spaß haben. Wulftange erzählt, dass sich die Ruheständler oft nach ein, zwei Jahren in der Rente bei ihm melden. „Den ganzen Tag zu Hause zu sein, das birgt sozialen Sprengstoff“, sagt er. Meistens sind es Männer, die es daheim nicht aushalten und wieder arbeiten wollen, der Frauenanteil liegt bei den „Silberfüchsen“ nur bei zehn Prozent. Wie sich die Coronakrise auf das Beschäftigungsangebot der Senior-Experten auswirkt, ist noch unklar.

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Quelle: rp-online.de Zurück zur Übersicht